Gesprächskreis - die Entwicklung unserer Gesellschaft in den letzten 30 Jahren

(Beitrag vom 03.05.2016 korrigiert am 31.05.2016)

Rationalisierung, Modernisierung und Automatisierung - wer profitierte davon?

Das Gesprächsthema für den 04.05.2016

Wir haben es selbst erlebt, es gab kaum ein Zeitalter wie die letzten 30 bis 40 Jahre, bei dem sich die umwälzenden Neuerungen praktisch gegenseitig ablösten.
Angefangen hat dies sicherlich Anfang der 70'er Jahre mit der Computertechnik, die dann in einem regelrechten Boom in den 80'er Jahren durch die Einführung der Arbeitsplatzrechner, den Automatisierungstechniken in den Fertigungen und wenig später auch noch mit dem Rechner für Jedermann zu Hause endete.

Dies kostete jede Menge Arbeitsplätze in Verwaltung, Fertigung und vielen anderen Bereichen. Kaum eine Branche blieb davon verschont.

Ich selbst war mein gesamtes Arbeitsleben lang an Automatisierung in Verwaltung und Fertigung maßgeblich mit beteiligt. Anfänglich dachten wir, es kommt den Menschen im Allgemeinen zu Gute. Arbeiten die Maschinen und Computer für uns, brauchen wir selbst für unser Auskommen nicht mehr so viel arbeiten und haben trotzdem ein schönes Leben. Weniger als 20 Stunden die Woche für einen Alleinverdiener in einer Familie war unsere Utopie.

Doch wie sieht es tatsächlich aus?

Es gibt leider kaum öffentliche valide Statistiken in diesem Bereich. Alle Statistiken, die man darüber finden kann, beschäftigen sich spekulativ mit der Zukunft und machen daher nicht so viel Angst. Dies sieht man ähnlich bei der Entwicklung der Renten. Auch hier wird uns suggeriert, die Rentenproblematik ist ein Problem der Zukunft. Das aber bereits heute maßgeblich durch die Agenda- und Hartz4-Gesetzgebung der Rot/Grünen-Regierung an drastischer Abbau der Renten seit 2002 erfolgte, darauf wird nicht eingegangen.


Aus der neuesten Studie der ING-Diba-Bank:

Diese Studie malt ein düsteres Bild für die Zukunft. Roboter könnten 18 Millionen Deutsche arbeitslos machen, Software gefährdet 1,9 Millionen Bürokräfte. Langfristig könnte die schnelle Technologisierung 59 Prozent der Arbeitsplätze in Deutschland gefährden: Von den 30,9 Millionen Beschäftigten, die die Studie der ING-Diba berücksichtigt hat, würden rund 18 Millionen durch Maschinen und Software ersetzt.

Die Sach- und Verwaltungsarbeiter sehen sich laut Studie einer 86-prozentigen Wahrscheinlichkeit gegenüber, zukünftig durch Software oder Roboter ersetzt zu werden. 1,9 Millionen Büro- und Sekretariatskräfte könnten ihre Jobs verlieren. Von 340.000 Fachkräften in der Buchhaltung könnten nur 10.000 den Maschinenvormarsch überstehen.

Kaum besser geht es Hilfskräften in Lagern und bei Postdiensten (1,5 Millionen Arbeitslose), im Einzelhandel (1,2 Millionen) und in der Reinigung (1,2 Millionen). Bei Mechanikern, Fahrzeugführern und Maschinenbedienern könnten mehr als zwei Drittel der Stellen wegfallen.

Einziger Lichtblick in diesem Gewitterszenario: Die Autoren gehen davon aus, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis Roboter günstig und klug genug sind, um komplexe Aufgaben tatsächlich zu übernehmen.

Eigene Analyse aus dieser Studie:

Die Aussage aus dieser Studie „Schon jetzt sind einige Industriebereiche vollvernetzt und werden fast vollständig von Robotern geführt.“ was bedeutete dies für die Vergangenheit? Wieweit wurde unsere Gesellschaft schon davon betroffen und was hatten und haben wir davon?

Schlimm empfinde ich auch die Aussage "Neueste Studien der ING-Diba-Bank malen ein düsteres Bild für die Zukunft".
Warum ist es eigentlich ein düsteres Bild?

Steckt in dieser Aussage die Bankrotterklärung für unser Wirtschaftssystem was ja dann durch die enge Verzahnung auch die Bankrotterklärung für unsere Gesellschaft bedeutet?

Wenn unser Gesellschaftssystem so stark wäre, dass die positiven Ergebnisse aus Automatisierung auch ALLEN Menschen zu Gute kommen könnte - Es wäre doch kein düsteres, sondern eher ein schönes Bild für die Zukunft. Wir alle brauchten weniger arbeiten und hätten trotzdem den selben womöglich sogar höheren Lebensstandard.

Betrachten wir doch einmal die Entwicklung der letzten 30 Jahre im Detail:

Wie bereits erwähnt, wurde durch die Computertechnik in den 70'er Jahren hauptsächlich Arbeitsplätze in der Verwaltung ersetzt.
In den 80'er Jahren startete dann die Automatisierung in Fertigung und Herstellung richtig durch. Allein in der Automobilindustrie wurden durch den Einsatz vollautomatisierter Taktstraßen ungeheuer viele Arbeitskräfte ersetzt.

Mitte der 80'er Jahre, für mich ausgehend durch Otto Graf Lambsdorf,  von 1977 bis 1984 als Bundesminister für Wirtschaft der FDP, wurde das Neoliberale Weltbild ausgerufen und von allen Parteien als Allheilmittel angesehen.
Nahezu zeitgleich wurde den bis dahin Frauen, die sich um Kinder und Familie kümmerten suggeriert, dass die Arbeit in den Familien eigentlich kaum etwas wert sei. Frauen sind nur gleichwertig, wenn sie genau so viel Geld wie ihre Männer verdienen würden. Dafür wetteiferten dann alle Parteien um Quotenregelungen denn Frauen mussten ihre Arbeitskraft der Industrie zur Verfügung stellen. Unterstützt wurde das natürlich durch die Abhängigkeit der Frau von der Rente des Mannes.

Wenn es wirklich um die Gleichstellung der Frau gegangen wäre, hätte man natürlich auch die Rente für die Frauen während ihrer Erziehungszeiten auch aus Steuermitteln ordentlich finanzieren können. Denn für die Gesellschaft taten sie oft mehr als ihre im Beruf stehenden Männer.
Ich bezog mich in dieser Betrachtung auf die Frauen, da sie hauptsächlich die Stütze in den Familien darstellt, was allerdings auch für Väter einzusetzen ist.

Wenn ich das so betrachte, vermute ich mal, keines meiner in den 40 Jahren entwickelten Programme wird heute noch benutzt, meine Enkel allerdings stützen die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes für die Zukunft. Somit stellt sich die Frage nach der Wertigkeit der Erziehungsarbeit kaum.

Was passierte aber nach dieser Kehrwende aus den alten bisher gültigen gesellschaftlichen Grundwerten?
Gleichzeitig mit dem sehr starken Abbau von Arbeitsplätzen durch Automatisierung wurde das Angebot an Arbeitskräften nahezu verdoppelt. Hier schlägt dann das alte Marktgesetz voll zu "Angebot und Nachfrage regeln den Preis" was natürlich auch für die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer anzuwenden ist.

Noch bis in die 80'er Jahre konnte nahezu jeder Arbeitnehmer allein mit seinem Einkommen eine ganze Familie ernähren. Dies ist heute vorbei. Beide Elternteile müssen arbeiten und schaffen es oft nicht mehr, adequate Einkommen zu generieren. Durch diese Problematik und die damit verbundene außergewöhnliche Zusatzbelastung in den Familien stieg natürlich auch die Scheidungsrate was dann zu noch mehr Belastung für Alleinerziehende sorgt. Altersarmut ist auch hier vorprogrammiert.

Von hier aus in die Zukunft

Mögliche Problemlösungen:

Vermutlich wird eine Entwicklung, in eine vernünftige Richtung in der alle vom Fortschritt partizipieren, nicht mehr friedlich an der Wahlurne zu regeln sein. Hier wirken gewaltige Kräfte entgegen, denen sich unsere Politik längst ergeben hat.
Man sieht es deutlich an der gerade in Frankreich durchgeführten Arbeitsmarktreform nach dem Muster der Agenda 2010. Hollande treibt Hunderttausende Franzosen auf die Straße. Unsere Nachbarn sind es im Gegensatz zu uns allerdings gewohnt, sich zu wehren. Mal sehen, ob sie es schaffen.

Unsere Politiker und auch die in der EU können doch nicht so blind sein, dass sie meinen, für die Zukunft ist das neoliberale Ausbeutungsmodell weiter zu erhalten. Es kann doch nicht sein, dass ein auskömmliches Leben nur durch Lohnarbeit, die es erst Recht in der Zukunft nicht mehr für jeden geben wird, möglich ist. Heute befinden sich über 8 Millionen Menschen allein in unserem Land (eines der reichsten Länder dieser Welt) in prekären Arbeitsverhältnissen, über 3 Millionen haben gar keine Arbeit mehr.
 
17,2% aller Arbeitskräfte zwischen 25 und 34 leben in befristeten Arbeitsverhältnissen, was mehr als eine Verdoppelung gegenüber der Zeit vor Agenda 2010 bedeutet. Wen wundert es eigentlich noch, dass gerade diese jungen Menschen keine Familien gründen und erst Recht keine Kinder mehr in die Welt setzen? Das gehört abgeschafft, wenn wir selbst UNSERE Gesellschaft erhalten wollen um dies nicht anderen überlassen zu wollen.

Wir müssen hier grundsätzlich andere, neue Wege gehen.
Ein Weg könnte z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen in entsprechender Höhe sein.

Siehe auch hier:  https://www.grundeinkommen.de/die-idee
oder                     http://www.zeit.de
oder                    Artikel der Zeit zur Studie der ING-Diba


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Jürgen Scheffler am 03.05.2016